Prokrastination ist die Eigenart, Dinge zu unbegründet zu “vertagen”, also immer wieder aufzuschieben. Das Wort leitet sich vom lateinischen procrastinare = vertagen ab, das korrekt übersetzt “für morgen” bedeutet. Der kommende Tag scheint besser für die anstehende Aufgabe geeignet zu sein. Im Arbeitsalltag gilt diese Aufschieberitis als ernsthafte Störung.

Symptome für die Prokrastination

Symptomatisch für eine pathologische Aufschieberitis ist das nicht nötige Vertagen von wichtigen Arbeiten und auch ihr sehr häufiges Unterbrechen. In beiden Fällen werden die Aufgaben gar nicht oder nur unter sehr erheblichem Druck erledigt. Auch das Verstreichenlassen von unumgänglichen Fristen gehört zur Prokrastination. Da der Arbeitsablauf dadurch gestört wird, entsteht bei den Betroffenen und bei ihren Kollegen, Vorgesetzten und Kunden ein beträchtlicher Leistungsdruck. Wichtig zu wissen: Eine handfeste Prokrastination ist pathologisch und führt unweigerlich zu einem betrieblichen, finanziellen und/oder sozialen Schaden. Davon zu unterscheiden ist eine gewisse Lässigkeit mit Terminen, die auch zu Verzögerungen und Stress, aber nicht zu einem Schaden führt.

Wenn uns eine Aufgabe nicht passt, schieben wir ihre Erledigung gern zeitlich nach hinten, doch als gesunde Menschen und Mitarbeiter wissen wir durchaus, was dringend erledigt werden muss und was warten kann. So vernachlässigen viele Menschen in Phasen hoher Arbeitsbelastung ihren Haushalt, aber davon geht die Welt noch nicht unter. Von Prokrastination Betroffene hingegen verschieben Dinge, die nicht verschoben werden dürfen, etwa die Steuererklärung. Das lässt sich das Finanzamt nicht gefallen, es schätzt die Steuer (zuungunsten des Steuerpflichtigen) und fordert Verzugszinsen. Im Betrieb hemmt so ein Verhalten nachhaltig die Karriere und könnte sogar zu Abmahnungen und schließlich zur Entlassung führen. Dass Prokrastination pathologisch ist, beweisen diese Folgen, die den Betroffenen durchaus bewusst sind. Aber sie können nicht anders.

Wer ist besonders von der Prokrastination betroffen?

Betroffen sind prinzipiell Menschen, die ihre Tätigkeiten selbst steuern und organisieren müssen. Es obliegt ihnen, die nötigen Prioritäten zu setzen und den Wer ist besonders von der Prokrastination betroffen?Arbeitsaufwand vorab einzuschätzen, was ihnen nur ungenügend gelingt. Dabei fehlt über weite Strecken die Kontrolle durch eine übergeordnete Instanz. Folgende Personen- und Berufsgruppen gelten als anfällig für Prokrastination:

– Studenten
– Anwälte
– Journalisten
– Lehrer
Selbstständige aller Branchen
– Manager der mittleren Leitungsebene mit einem hohen persönlichen Gestaltungsspielraum bezüglich ihrer Tätigkeit

Bemerkenswert an diesen Gruppen ist, dass diese Personen offenbar gezielt Berufe und Tätigkeiten gewählt haben, die eine eigene Strukturierung des Arbeitsalltags ermöglichen. Offenbar war ihnen ihr Wunsch, sich “nicht drängeln zu lassen”, schon immer bewusst. In einer von außen streng strukturierten Tätigkeit – zum Beispiel am Fließband, als Handwerker mit Terminen oder als Sekretärin mit getakteten Vorgaben – wären sie gleich gescheitert. Doch die gewählten Berufe ermöglichten es ihnen, ihre Tendenz zur Prokrastination vor sich und ihrer Umgebung lange zu verbergen.

Auslöser und typische Anzeichen der Aufschieberitis

Die Auslöser des beschriebenen Verhaltens, das tiefenpsychologische Ursachen hat, sind unangenehme Aufgaben und Zeitdruck. Die Betroffenen könnten sich organisieren, haben aber im Verlaufe ihres Lebens eine Strategie entwickelt, die Organisation auf die Vermeidung auszurichten (statt auf die rasche Erledigung der unangenehmen Aufgabe). Diese Strategie begann schon in der Kindheit und war über weite Strecken aus Sicht des Individuums sogar erfolgreich – es wurden ihm immer wieder unangenehme Aufgaben abgenommen. Diese Strategie verfeinern Betroffene im Laufe des Lebens. Einerseits verschieben sie die unangenehmen Aufgaben nach hinten, andererseits beschäftigen sie sich zwischenzeitlich mit angenehmen Aufgaben, wodurch sie keinesfalls als faul gelten können. Damit unterdrücken sie negative Gefühle und belohnen sich sogar mit positiven Gefühlen durch die Erledigung der gewünschten Aufgabe.

Allerdings holen die negativen Gefühle sie unweigerlich ein, wenn die Aufschieberitis zu ernsthaften Konsequenzen führt. Damit sinkt ihr Selbstwertgefühl und – aus rein kognitiver Sicht – ihr Erfahrungsschatz, wie es denn wäre, wenn man die nicht so angenehmen Aufgaben doch fristgerecht erledigen würde. Der Volksmund nennt diese Strategie “Dünnbrettbohrerei”. Die Folgen sind noch schlimmer, als es sich die Betroffenen selbst ausmalen. Ihre soziale Umgebung entdeckt nämlich dieses Verhalten und betraut sie daher nicht mehr mit wichtigen Aufgaben, was jede Karriere unweigerlich hemmt. Die typischen Anzeichen sind schließlich nicht zu übersehen: Von Prokrastination Betroffene sind immer irgendwie beschäftigt, aber nie mit dem, was aktuell wichtig wäre. Sie verpassen ständig essenzielle Termine. Als Mitarbeiter sind sie wenig wertvoll, man würde sie gern ersetzen.

Wege aus der Aufschieberitis

Da Prokrastination auch krank machen kann, sollten die Betroffenen einsichtig sein und Gegenstrategien entwickeln. Dazu gehört, die Ursachen für die Abneigung gegen eine Aufgabe zu erforschen und sich produktive Arbeitsgewohnheiten zuzulegen. Die Drei-Minuten-Regel führt dazu, alle unangenehmen, aber schnell zu erledigenden Aufgaben sofort anzugehen. Auch Rituale helfen, etwa einen Kaffee kochen und dann beginnen. Nicht zuletzt sollte die Aufgabe in kleinere, konkrete und terminierte Arbeitsschritte zerlegt werden.Wege aus der Aufschieberitis