Nie war es so einfach ein Unternehmen zu gründen wie heutzutage. Oft reichen eine gute Idee und der richtige Pitch, um zumindest eine gute Chance auf eine Finanzierung zu bekommen. Diese Mittel kommen vermehrt aus Risikokapital. Über entsprechend große Finanzierungen wird viel berichtet, aber die Alternative Bootstrapping kommt oft zu kurz.

 

Bei der Versorgung mit Risikokapital investieren die sogenannten Venture Capitalists im Tausch gegen Anteile am Unternehmen hohe Beträge in die Geschäftsidee. Das motiviert immer mehr Leute, sich an der Existenzgründung zu versuchen. Vor allem als Alternative zur klassischen Finanzierung mittels Bankkredit ist Risikokapital groß geworden. Die Prozesse sind schlanker und es geht ein gewisses Flair damit einher. Nachrichten über millionenschwere Investitionen in neue Geschäftskonzepte haben einen regelrechten Hype ausgelöst.

Die vielen Gründungen haben allerdings auch negative Effekte. Im Rennen um die Entdeckung des nächsten Einhorns (Startups mit einer Bewertung über 1 Milliarde Dollar) überschlagen sich Investoren bei der Vergabe von Mitteln und investieren auch in Konzepte, die im Nachhinein wenig Aussicht auf Erfolg hatten. Dadurch steigt natürlich auch die Zahl der gescheiterten Gründungen an. Das wiederum zerstört Vertrauen bei traditionellen Geldgebern wie Banken. Ergo sind Kredite schwerer zu bekommen.

Wenn man die Wahl zwischen zwei suboptimalen Optionen hat, sollte man sich eine Dritte suchen. So ist es in den letzten Jahren immer attraktiver geworden, seine Geschäftsidee unabhängig umzusetzen. Die Finanzierung des Gründungsvorhabens ohne Fremdkapital, also mit 100% Eigenkapitalquote, nennt man Bootstrapping.

 

Was ist Bootstrapping?

Beim Bootstrapping werden lediglich eigene Geldmittel genutzt. Vorteil: Die Anteile, Entscheidungen und Gewinne liegen im vollen Umfang beim Gründer. Dieser bestimmt daher ohne Einfluss von Share- oder Stakeholdern die Richtung des Unternehmens. Für dieses Privileg trägt der Gründer allerdings sowohl das komplette Risiko als auch sämtliche Kosten.

Bootstrapping zeichnet sich vor allem durch extreme Effizienz aus. Um für Wachstum im Unternehmen zu sorgen, werden Gewinne fast vollständig reinvestiert. So wächst das Unternehmen nachhaltig und es besteht nicht wie bei anderen Gründungsformen die Gefahr, dass die Firma durch zu schnelles Wachstum in Schwierigkeiten gerät.

 

Bootstrapping Wachstum

 

Vorteile gegenüber Risikokapital

Kontrolle

Der wahrscheinlich größte Motivator für die Anwendung von Bootstrapping ist die vollständige Selbstbestimmung. Als Gründer, der Risikokapital eingeworben hat, trennt man sich im Gegenzug von Anteilen am eigenen Geschäft. Der Venture Capitalist wird durch diese Anteile zum Gesellschafter und hat somit ein Mitbestimmungsrecht bei wichtigen Entscheidungen im Unternehmen. Verschiedene Vorstellungen davon, in welche Richtung sich das Unternehmen entwickeln sollte, können zu Spannungen zwischen den Gesellschaftern führen.

 

Nachhaltigkeit

Wie schon in der Begriffserklärung angesprochen ist Bootstrapping eine der nachhaltigsten Gründungsarten. Es kommt weder zu einer Überbeanspruchung der Unternehmensressourcen durch zu viel und zu schnelles Wachstum, noch zu gehetzten und womöglich unüberlegten Investitionsentscheidungen. Denn da nur der Gewinn als Investitionsmittel zur Verfügung steht, wird sich der Gründer genau überlegen, ob die Investition wirklich die beste Verwendung für die begrenzten Mittel ist.

 

Risiko

Dieser Punkt ist etwas kontraintuitiv, aber das Tragen des alleinigen Risikos durch den Gründer kann auch ein Vorteil sein. Schauen wir auf risikofinanzierte Unternehmen, haben die eigenen Entscheidungen dort Auswirkungen auf alle anderen Anteilseigner und Mitarbeiter des Unternehmens. Fehler wirken sich damit stärker auf andere Menschen aus. Das verursacht Druck und kann zu Zögerlichkeit führen.

Beim Bootstrapping haben Fehler nur Auswirkungen auf den Gründer selbst. Da die meisten Gründungen dieser Art Ein-Personen-Projekte sind, besteht auch nicht die Gefahr, dass beim Scheitern Angestellte in der Arbeitslosigkeit landen. Das Wissen darum, dass man nur selbst von den Konsequenzen seines Handels betroffen ist, gibt Selbstvertrauen und hilft die richtigen Entscheidungen zu treffen.

 

Fokus

Wo wenig Mittel existieren, werden nach Möglichkeit keine Mittel verschwendet. Bootstrapping-Unternehmen zeichnen sich durch eine klare Zielsetzung aus. Alle Gewinne, die erwirtschaftet werden, werden in dieses Ziel investiert.

Beim Risikokapital kann man sich, ob des großen Kapitals, breiter aufstellen. So werden Märkte und Ideen im laufenden Betrieb getestet. Fehlgeschlagene oder nicht erfolgversprechende Projekte werden wieder eingestampft. Dabei werden Geldmittel verschwendet, die in ein fokussiertes Ziel hätten investiert werden können.

 

Bootstrapping Herausforderungen

 

Herausforderungen beim Bootstrapping

Geringes Kapital

Gründer müssen kreativ handeln, um mit Bootstrapping erfolgreich zu werden. Das Fehlen von Fremdkapital führt in der Regel zu einem geringen Kapitalstock. Da wenig Geldmittel für Investitionen zur Verfügung stehen, müssen Investitionen sehr genau abgewogen und vor allem priorisiert werden.

Leider kann es auch dazu kommen, dass durch fehlende Mittel Projekte, die das Unternehmen weiterbringen würden, nicht sofort realisierbar sind. In diesem Fall kann man überlegen, ob es nicht doch sinnvoll ist, sich für diesen Zweck Kapital zu besorgen. Beliebt unter Bootstrappern ist hier die Kreditkarte. Sie dient sozusagen als Mini-Kredit, damit eine Chance realisiert werden kann und ein gewisser Spielraum besteht. Achtung: Bei Nichtbegleichung drohen hohe Gebühren.

 

Konstanter Effizienzdruck

Da nur die eigenen Mittel und die erwirtschafteten Gewinne zur Verfügung stehen, um alle Facetten des Unternehmens zu finanzieren, muss man als Gründer die Prozesse so schlank wie möglich halten. Je effizienter das Tagesgeschäft ist, desto mehr Geld steht für Investitionen zu Verfügung. Achtung: Das Streben nach Effizienz sollte nicht zu Investitions-Aversion führen, denn nur durch Investition kann das Unternehmen wachsen.

 

Risiko

Trotz der versteckten positiven Effekte des allein getragenen Risikos ist und bleibt es doch ein Risiko. Im Falle eines Scheiterns wird der Gründer die Konsequenzen tragen und die Fehler bei sich selbst suchen müssen. Aus diesem Grund sollten Gründungen generell immer gut überlegt und geplant werden.

 

Fazit

Bootstrapping ist eine spannende Alternative zum Risikokapital. Es erlaubt auch Gründern mit wenig Erfahrung und Kapital, sich an ihrer Geschäftsidee zu versuchen. Dadurch werden Ideen gefördert, die sonst vielleicht nie verfolgt worden wären. Durch die nachhaltige Grundidee des Bootstrappings beschäftigt sich der Gründer näher und intensiver mit allen Aspekten des Unternehmens und überstürzt nichts.

Bootstrapping ist allerdings auch keine Patentlösung für ein erfolgreiches Unternehmen. Risikokapital, Bankfinanzierung und Bootstrapping haben alle ihre Vor- und Nachteile. Welche die richtige Form für die eigene Gründung ist, hängt ganz von Geschäftsmodell und Gründer ab. Auch schließen die Finanzierungsformen einander nicht aus. Eine gute Vorgehensweise ist es zum Beispiel, bei der Gründung und in Anfangsphase auf Bootstrapping zu setzen. Hat man erste Erfolge und die Geschäftsidee somit validiert, geht man mit ganz anderen Voraussetzungen in Gespräche mit Geldgebern. Die Chancen für eine erfolgreiche Finanzierung sind dadurch merklich höher.

 

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Gastautor Julius Pankoke

Julius Pankoke

 

ist Content Contributor and Startup-Enthusiast. Seine Spezialgebiete sind Entrepreneurship, Business Development und Digitales Marketing. Er schreibt und liest gern gute Blogartikel. Bei SmartBusinessPlan hilft er Gründern exzellente Businesspläne zu schreiben.